Wie kam es dazu, dass sich Limita in ihrer Arbeit den Schwerpunkt auf Kinder, Jugendliche und Menschen mit Behinderungen legt?
Yvonne Kneubühler: Limita entstand aus einem Bedarf, den Frauenhäuser Ende der 1980er-Jahre erkannt hatten: Nicht nur Frauen sind von sexualisierter Gewalt betroffen, sondern oft auch ihre Kinder. Es wurde deutlich, dass gezielte Massnahmen notwendig sind, um die Verletzlichsten in unserer Gesellschaft – darunter auch Menschen mit Behinderungen – wirksam zu schützen. Sexualisierte Gewalt ist eine «leise» Form der Gewalt, die besonders schwer wiegt, wenn sie in Abhängigkeits- und Machtverhältnissen auftritt. Limita setzt sich daher dafür ein, insbesondere Institutionen, aber auch Eltern und Angehörige bei der Entwicklung und Umsetzung von Präventionsmassnahmen zu unterstützen.
Welche konkreten Dienstleistungen bietet Limita an?
Wir bieten Bildungsveranstaltungen an, denn Wissen ist der Schlüssel zu wirkungsvoller Prävention. Welche Mechanismen verbergen sich hinter sexualisierter Gewalt? Wie gehen Tatpersonen vor? Und warum schweigen Betroffene oft über Jahre oder gar Jahrzehnte? Wer die Muster versteht, kann gezielt Präventionsarbeit leisten.
Sexualisierte Gewalt lässt sich aber nicht allein durch Wissensvermittlung und Aufklärung verhindern – entscheidend sind die Schutzprozesse, die Institutionen in ihren Strukturen verankern, sodass sie im Alltag ihre präventive Wirkung entfalten können. Limita hat deshalb ein vielfältiges Beratungsangebot entwickelt und unterstützt Organisationen dabei, wirksame Schutzkonzepte zu erarbeiten, Standards, verbindliche Abläufe und klare Zuständigkeiten zu definieren sowie eine gelebte Kultur des Hinsehens und Ansprechens zu etablieren.
Kinder, Jugendliche und Menschen mit Behinderungen ermächtig und stärkt Limita, indem sie im Rahmen von spielerischen Parcours Botschaften rund um die Kernaussage «Mein Körper gehört mir!» vermittelt. Darüber hinaus stellt Limita Informationsmaterialien sowie Arbeitstools zur Verfügung und betreibt Öffentlichkeitsarbeit, um das Thema sichtbarer zu machen und die Bevölkerung zu sensibilisieren.
Am internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen steht dieses Jahr in der Schweiz «Geschlechtsspezifische Gewalt und Behinderungen» im Fokus. Wo sieht hier Limita Handlungsbedarf?
Menschen mit Behinderungen sind besonders häufig von sexualisierter Gewalt betroffen – diese Tatsache muss stärker ins öffentliche Bewusstsein rücken. Entscheidend ist, dass Prävention in Institutionen höchste Priorität erhält und mit ausreichend Ressourcen im Alltag verankert wird. Nur so können Schutzprozesse tatsächlich wirksam greifen. Auch die Kantone stehen in der Verantwortung: Sie müssen verbindliche Qualitätsstandards für Prävention definieren und sicherstellen, dass diese in allen Institutionen konsequent umgesetzt werden. Darüber hinaus hilft es, wenn Angehörige sich bei Institutionen über deren Schutzkonzepte erkundigen. Generell sollten wir uns als Gesellschaft stärker für die Rechte und die Sicherheit von Menschen mit Behinderungen einsetzen.
Der Bundesrat hat 2023 einen Bericht zu «Gewalt an Menschen mit Behinderung» publiziert, Interessenverbände haben weitere Forderungen gestellt. Woran liegt es, dass wir bei diesem Thema nur in kleinen Schritten vorwärtskommen?
Es fehlt vor allem an Mut und an der Entschlossenheit von Bund und Kantonen, gegenüber Institutionen klare und verbindliche Vorgaben zu machen. Zudem wird die Stimme der Lobby der Betroffenen zu wenig gehört. Dies mag an den beschränkten Ressourcen der entsprechenden Organisationen liegen oder am mangelnden Bestreben von Politik und Gesellschaft, ernsthaft zuzuhören. Ferner werden der Präventionsarbeit nach wie vor zu wenig finanzielle Mittel zur Verfügung gestellt. Ohne klare Rahmenbedingungen und ausreichend Ressourcen bleibt echter Fortschritt leider nur in kleinen Schritten möglich.
Welche gesellschaftlichen Veränderungen bereiten Limita mit Blick auf die tägliche Arbeit Freude, welche eher Kopfzerbrechen?
Erfreulich ist, dass das Parlament im Herbst sechs gleichlautende Motionen verabschiedet hat, die inzwischen in Postulate umgewandelt wurden. Diese fordern vom Bundesrat eine Bestandsaufnahme, die Prüfung der gesetzlichen Grundlagen sowie konkrete Empfehlungen für wirksame Schutzmassnahmen. Das zeigt: Der politische Wille ist vorhanden – das stimmt uns zuversichtlich. Was uns ausserdem freut: Die Nachfrage von Institutionen steigt, sich bei der Entwicklung von Schutzkonzepten von uns begleiten zu lassen. Kopfzerbrechen bereitet uns dagegen die Frage, wie wir dieser Nachfrage gerecht werden können. Wie schaffen wir es, möglichst viele Organisationen optimal zu unterstützen?
Was wünscht Limita sich und der Gesellschaft ganz konkret für den diesjährigen 25. November und die 16 Aktionstage?
Dass uns allen bewusst wird: Jede*r Einzelne von uns kann einen persönlichen Beitrag zu wirksamer Prävention leisten. Das kann unterschiedliche Formen annehmen: Wir können aufzeigen, dass jeder Körper schützenswert ist, indem wir selber offen über angenehme und unangenehme Berührungen sprechen und dabei unsere eigenen Grenzen kommunizieren. Wir können Zivilcourage zeigen und uns vor Schwächere stellen und ihre Grenzen wahren. Und besonders wichtig: Wir können Betroffenen aufmerksam zuzuhören. Oftmals werden subtile Hinweise zu Grenzverletzungen von Opfern überhört oder es wird ihnen kein Glaube geschenkt. Dem können wir mit Unvoreingenommenheit und einem offenen Ohr entgegenwirken.