Wenn Sie diese Zeichnung und den Text dazu anschauen, was lesen Sie daraus?
Sophia Fischer: Das ist ein sehr eindrückliches Bild! Es zeigt nicht nur den Gewaltvorfall mit den ungleichen Machtverhältnissen, sondern auch sehr deutlich die intensiven Emotionen, die Kinder in solchen Situationen oft erleben. Auch die Emotionen bei der Mutter und dem Vater werden deutlich. Der Text unterstreicht das.
Was bedeuten solche Erfahrungen für ein Kind, was macht das mit ihm?
Es wurde sehr lange unterschätzt, wie sehr auch die Zeugenschaft von häuslicher Gewalt innerhalb der Familie Auswirkungen auf die emotionale, kognitive und soziale Entwicklung der Kinder haben kann. Die Eltern haben einen Schutz- und Fürsorgeauftrag gegenüber den Kindern, die Kinder sind abhängig von den Eltern. Wenn es zu Eskalationen und Gewalt zwischen den Eltern kommt, verunsichert das die Kinder stark und kann sehr schnell zu einer existenziellen Bedrohung werden.
Weshalb?
Zum einen, weil nicht abschätzbar ist, wohin die Gewalt noch führt. Zum anderen, weil eine geliebte Person akut bedroht und in Not ist und eine andere geliebte Person die Kontrolle zu verlieren scheint oder dafür verantwortlich ist. Dieses Dilemma, zum einen die Eltern zu lieben und auf ihren Schutz, ihre Fürsorge angewiesen zu sein und zum anderen die starke Angst vor den Eltern und den Auswirkungen der Gewalt, haben tiefgreifende Auswirkungen auf das Bindungsverhalten der Kinder.
Welchen Einfluss kann dies auf die Entwicklung und Sozialisation haben?
Die Auswirkungen von Gewalterfahrungen auf Kinder sind sehr mannigfaltig und äussern sich sehr unterschiedlich und auch zu unterschiedlichen Zeitpunkten in der Entwicklung. Ihre emotionalen Beziehungserfahrungen bilden sich in sogenannten «internalen Arbeitsmodellen» ab. Kinder haben ein relativ stabiles Bild davon entwickelt, wie erwachsene Personen auf ihre Bedürfnisse in für sie belastenden Situationen reagieren, und danach richten sie ihr eigenes Verhalten aus. Und es kann beobachtet werden, dass es solchen Kindern schwerfällt, aufgrund ihrer Erfahrungen anderen Menschen zu vertrauen, sich auf Beziehungen einzulassen und diese aufrechtzuerhalten. Einerseits wünschen sie sich Beziehungen, Zuwendung und andererseits besteht die Angst, verletzt zu werden.
Welche weiteren Veränderungen können auftreten?
Wir sehen bei Kindern mit Gewalterfahrungen oft, dass sie Schwierigkeiten haben, ihre Emotionen zu regulieren, dass sie sehr viel schneller im Stress- und Alarmmodus sind. Weiter haben die betroffenen Kinder häufig Schwierigkeiten, ihre Aufmerksamkeit zu fokussieren. Das führt zu Konzentrationsschwierigkeiten in der Schule. Regulationsschwierigkeiten zeigen sich auch in sozialen Situationen, das führt oft zu Eskalationen. Dann gibt es Kinder mit Gewalterfahrungen, die aufgrund des erlebten Stresses sehr angepasst oder teilweise auch in einer Art Starre sind. Die dann vielleicht weniger auffallen. Im späteren Entwicklungsverlauf, das wissen wir auch aus Studien, gehen Jugendliche oder junge Erwachsene mit Gewalterfahrungen auch eher romantische Beziehungen ein, die erneut von Gewalt geprägt sind. Und wir wissen, dass diese Kinder im Erwachsenenalter ein erhöhtes Risiko für gesundheitsgefährdendes Verhalten, zum Beispiel Substanzkonsum, psychische und körperliche Erkrankungen und eine eingeschränkte gesellschaftliche Teilhabe haben.
Wie entwickelt es sich im besten Fall und wie, wenn alles sehr ungünstig verläuft?
Im besten Fall gelingt es dem Kind, die Gewalterfahrungen innerhalb der Familie in seine Biografie zu integrieren, das heisst, als Teil seiner Biografie zu akzeptieren und im Bewusstsein zu haben. Es gibt Kinder, die sind erstaunlich resilient, sprich widerstandsfähig, dies aufgrund von verschiedenen internen und auch externen Faktoren, die eine Verarbeitung von Gewalterfahrungen möglich machen. Dann gibt es Kinder, die nicht ausreichend über diese Resilienzfaktoren verfügen und aus diesem Grund auf eine Unterstützung durch die Gesellschaft angewiesen sind. Korrektive Beziehungserfahrungen helfen dabei sehr, die Sicht auf die Welt und den Umgang damit positiv zu verändern und zu befähigen, das Leben aktiver zu gestalten.
Falls Amela Unterstützung benötigt, welche Angebote können für sie heute und in Zukunft sinnvoll sein und weshalb?
Wichtig erscheint mir vor allem, dass gewaltbetroffene Kinder Gefässe haben, in welchen sie in der Verarbeitung ihrer Emotionen und Erfahrungen empathisch begleitet und von allfälligen Schuldgefühlen befreit werden. Das ist teilweise ein lebenslanger Prozess, und es sollte über die gesamte Lebensspanne entsprechende Angebote geben, von der frühen Kindheit bis hin zum hohen Alter. Dazu gehörten Angebote von Fachstellen, die weiter begleiten können, gleichzeitig aber auch ein Umfeld, wie etwa die Schule, wo Kompetenzen im Umgang mit Emotionen und Stress vermittelt werden.
Wie stehen Sie zur Aussage, dass Menschen, die als Kind von häuslicher Gewalt betroffen oder mitbetroffen waren, als Erwachsene häufiger erneut Opfer von häuslicher Gewalt oder sogar Tatperson werden?
Dieser Zusammenhang konnte in mehreren Studien gezeigt werden. Bereits im Jugendalter gehen Jugendliche mit Gewalterfahrungen in der Kindheit eher Beziehungen ein, die von «Dating Violence» geprägt sind, also wenn es schon bei ersten Dates zu Übergriffen kommt. Diese Weitergabe der Gewalt, sei es als gewaltausübende oder auch als gewaltbetroffene Person, scheint ein sehr unwillkürlicher, automatisierter Prozess zu sein. Er kann nur vermindert werden, wenn mit den Kindern schon früh über die Gewalt gesprochen wird und sie somit auch als eigene Erfahrung bewusster ist.
Zahlreiche Berichte zeigen, dass Kinder und Jugendliche immer mehr psychisch belastet sind. Lässt sich abschätzen, wie viele aufgrund häuslicher Gewalt davon betroffen sind?
Wir wissen, dass Erfahrungen von häuslicher Gewalt das Risiko für psychische Erkrankungen deutlich erhöhen und dass viele Jugendliche oder Erwachsene mit psychischen Erkrankungen über traumatische Erfahrungen in der Kindheit berichten. Da die Dunkelziffer von häuslicher Gewalt, insbesondere auch psychischer Gewalt, leider nach wie vor sehr hoch ist, lässt sich das nicht in konkreten Zahlen wiedergeben. Es sollte in der Arbeit mit psychisch belasteten Menschen aber immer untersucht werden, um die Begleitung und Behandlung entsprechend anpassen zu können.