«Sexualisierte Gewalt, die online stattfindet, traumatisiert junge Opfer genauso wie körperliche Gewalt.» Zu diesem Schluss kommt eine neue Studie von Protect Children. Die Nichtregierungsorganisation hat weltweit 25‘000 Opfer von sexueller Gewalt im Internet befragt. 74 Prozent der betroffenen Menschen litten in der Folge unter Angstzuständen, Depressionen, Problemen mit der Sexualität, sie berichteten über Schwierigkeiten in Beziehungen und Selbstverletzungen.
Beispiele der Opferhilfe
Wie weitreichend die Auswirkungen digitaler Gewalt sind, zeigen auch konkrete Fälle, bei denen die Opferhilfe beider Basel Unterstützung bietet. Die folgenden drei Beispiele machen deutlich, wie vielfältig die erlebten Gewalterlebnisse sind.
Eine Frau berichtet am Telefon, dass ihr Kind seit einer Woche nicht mehr esse und nicht mehr in die Schule wolle. Sie mache sich grosse Sorgen. Das Kind schliesse sich ein und lasse niemanden mehr an sich heran. Sie erklärt dann, dass in den sozialen Medien etwas vorgefallen sein müsse, dass irgendein Bild ihres Kindes kursiere.
Eine 19-jährige junge Frau meldet, dass sie die Überwachung durch ihren Partner nicht mehr aushalte. In der Zwischenzeit hätte sie bereits ein zweites Handy. Er wisse zu jeder Zeit, wo sie sich befände, und sei schon zur genau gleichen Zeit wie sie am gleichen Ort aufgekreuzt. Sie getraue sich nicht mehr mit Freundinnen zu chatten oder soziale Medien zu benutzen.
Ein 16-jähriger Junge schreibt eine E-Mail, dass er erpresst werde. Er habe jemandem Bilder von sich zugestellt, und dieser drohe nun, diese zu verbreiten. Die Eltern dürfen auf keinen Fall erfahren, dass er sich bei der Opferhilfe gemeldet habe. Er wisse nicht mehr, was er tun solle, habe auch schon an Selbstmord gedacht.
Wenn Menschen von Personen, mit denen sie im physischen Austausch waren, körperliche, sexualisierte und auch psychische Gewalt erleben, fühlen sie sich in der analogen Welt nicht mehr sicher. Gewalt nimmt aber auch zunehmend hybride Formen an, zur analogen kommt digitale Gewalt hinzu. Das führt dazu, dass sie nach einem Vorfall auch im Internet und in sozialen Medien ihre Sicherheit verlieren. Ein Rückzug in eine sichere Umgebung wird dadurch verunmöglicht, und diese doppelte Belastung erhöht den psychischen Druck. Das machen diese Beispiele deutlich.
Wenn Scham öffentlich wird
Das liegt auch daran, dass Scham eine andere, bedrohliche Qualität annimmt. In der analogen Welt äussert sich Scham bei gewaltbetroffenen Menschen häufig so, dass sie sich verschliessen, das Erlebte niemandem erzählen und die ganze Belastung mit sich herumtragen. Nun wird die Scham von Menschen, die digitale Gewalt erlebt haben, öffentlich. Sie wissen, dass Bilder und Informationen, die verbreitet werden, von allen einsehbar sind.
Eine Mehrheit der Gesellschaft nimmt derzeit gar nicht wahr, was da eigentlich passiert. Das Unwissen ist gross, die Verlockung, die neuen technologischen Möglichkeiten selbst auszuprobieren, ebenfalls. Und die KI-Tools und Mechanismen der grossen Internetplattformen sind sehr geschickt gestaltet.
Herausforderungen für die Opferhilfe
Diese Veränderungen fordern auch die Opferhilfestellen heraus. Die Opferhilfe beider Basel hat sich deshalb schnell mit digitalen Beratungsstellen und IT-Expert:innen vernetzt. So sind wir in der Lage, gewaltbetroffene Personen an die richtigen Stellen zu vermitteln und zusammen mit Fachleuten nach Schutz zu suchen und die Sicherheit zu erhöhen. Unsere Beraterinnen und Berater sind sich bewusst, wie belastend digitale Gewalterfahrungen sind und wie wichtig psychologische Hilfe ist. Gewaltbetroffene Menschen – unabhängig davon, ob der Vorfall analog, digital oder hybrid war – haben das Recht auf Beratung und Unterstützung.
Auch auf nationaler Ebene passiert etwas. Eine Arbeitsgruppe der schweizerischen Opferhilfeberatungsstellen erarbeitet bis Oktober 2026 nationale Opferhilfe-Empfehlungen für spezifische Leistungen im Zusammenhang mit digitaler Gewalt. Und digitale Gewalt ist in diesem Jahr das Fokusthema der 16 Tage gegen Gewalt an Frauen und am internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen, der am 25. November stattfindet.