Wandersaustellung INA: Die Neugier an Prävention wecken

Die Fachstelle Limita bietet mit der interaktiven Ausstellung INA ein Programm an, um die sexuelle Ausbeutung von Jugendlichen und Erwachsenen mit kognitiven Behinderungen zu verhindern. Ruth Bonhôte von Opferhilfe beider Basel und Sandra Schlachter von der Präventions- und Meldestelle der ESB erläutern im Interview, was die Ausstellung in der Präventionsarbeit so wertvoll macht.

Ruth Bonhôte, die sich für die Opferhilfe beider Basel für den Schutz von Menschen mit Behinderung vor Gewalt engagiert, hat Anfang September die Wanderausstellung INA besucht. Was erfahren Besuchende? Und weshalb ist die Ausstellung allen Institutionen, die mit Menschen mit Behinderungen arbeiten, zu empfehlen?

Wie kam es dazu, dass du die Präventionsausstellung besuchen konntest?

Ruth Bonhôte: Ich bin Mitglied der «Fachgruppe Präventions- und Meldestellen» des Verbands Soziale Unternehmen beider Basel, und dieser hatte den Besuch der Wanderausstellung in der ESB in Liestal organisiert. Es war eine besondere Gelegenheit, denn die INA ist stets auf viele Monate hinaus ausgebucht. Die ESB machte die Ausstellung nicht nur den eigenen Bewohner*innen und Mitarbeiter*innen zugänglich, sondern öffnete ihre Türen auch für Klient*innen aus anderen Institutionen in der Region. Damit leistete sie einen wertvollen Beitrag zur Prävention sexualisierter Gewalt an Menschen mit Behinderungen.

Wie ist die Ausstellung konzipiert?

Verschiedene Stationen thematisieren zentrale Präventionsbotschaften, zum Beispiel «Mein Körper gehört mir», «Ich kenne gute und schlechte Geheimnisse», «Ich darf Nein sagen» oder «Hilfe holen ist wichtig». Die Stationen laden mit verschiedenen Materialien, Farben, Darstellungen und Aufgaben dazu ein, sich mit der Präventionsbotschaft auseinanderzusetzen und sich Wissen anzueignen. Durch den Einsatz unterschiedlicher Medien werden unterschiedliche Sinne aktiviert, was die Ausstellung abwechslungsreich und erlebbar macht.

Für wen eignet sich die Ausstellung?

Sie eignet sich sowohl für Jugendliche als auch für Erwachsene mit kognitiven Behinderungen und ist so gestaltet, dass sie selbstständig oder mit Hilfe von geschulten INA-Mitarbeitenden durchlaufen werden kann. Zu diesen INA-Mitarbeitenden gehören Menschen mit und ohne Behinderungen. Sie stehen für Fragen, Diskussionen und Hilfestellungen zur Verfügung.

Wie hast du den Besuch erlebt?

Die Ausstellung lässt trotz des schweren Themas Freude, Lust und Kraft aufkommen, denn sie vermittelt den Besucher*innen viel Ermächtigung und Ermutigung. Menschen mit Behinderungen erleben weit öfters sexualisierte Gewalt als Menschen ohne Behinderung. Angesichts dieser Tatsache kann ich als Mitarbeiterin der Opferhilfe und ehemalige Fachperson im Behindertenbereich die INA allen Institutionen, die mit Menschen mit Behinderungen arbeiten, wärmstens empfehlen.

Interaktive Präventionsausstellung INA

Die interaktive Präventionsausstellung INA ist ein Programm zur Prävention sexueller Ausbeutung von Jugendlichen und Erwachsenen mit kognitiven Behinderungen der Fachstelle Limita. Die Ausstellung ist als Parcours angelegt und wird jeweils zwei Monate in einer Institution gezeigt. Darüber hinaus umfasst INA Informationsveranstaltungen, Weiterbildungsmodule und eine mehrmonatige Reflexionsphase.

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Ein umfassendes Programm

Die ESB hat die Wanderausstellung INA gebucht. Sandra Schlachter von der Präventions- und Meldestelle erklärt, wie es dazu kam. Und wie die Teilnehmenden darauf reagierten.

Aus welchen Gründen richtete die ESB eine Präventions- und Meldestelle ein? Wann war das?

Sandra Schlachter: Die ESB bekennt sich zu den Richtlinien der Charta zur Prävention von sexueller Ausbeutung, Missbrauch und anderen Grenzverletzungen, die Verbände, Organisationen und Institutionen 2011 unterzeichneten. Vor diesem Hintergrund war die Einrichtung der Präventions- und Meldestelle für uns selbstverständlich, auch wenn ihre Umsetzung mit erheblichem Aufwand verbunden war. Dies wurde von der Geschäftsleitung aktiv unterstützt und im Jahr 2023 realisiert.

Sie haben die Wanderausstellung INA gebucht. Wie kam es dazu?

Im Rahmen unserer Verpflichtung, regelmässige Weiterbildungsangebote durchzuführen, bietet die Wanderausstellung INA für uns eine ausgezeichnete Gelegenheit, die Selbstkompetenz unserer Klient*innen im Umgang mit Nähe, Distanz und Grenzsetzung zu stärken und dafür, dass sie sich mit selbstbestimmter Sexualität auseinandersetzen. Zudem ermöglicht es INA, Prävention im Rahmen eines Organisationsentwicklungsprozesses zu verankern.  

Wie haben die Teilnehmenden auf die Ausstellung reagiert?

Sehr unterschiedlich: Einige zeigten grosses Interesse und waren offen fürs Ausprobieren, andere reagierten eher skeptisch oder ablehnend, zum Beispiel mit Aussagen wie «Das weiss ich schon» oder «Das habe ich in der Schule gelernt.» Besonders wertvoll war die Begleitung der Ausstellung durch geschulte Personen, die die Teilnehmenden aktiv eingebunden und viele im Austausch erreicht haben.

Welche Fragen standen im Vordergrund?

Es kamen viele Fragen auf, und bei jedem Teilnehmenden standen jeweils andere Themen im Vordergrund. Die Herausforderung bestand darin, auf die einzelnen Personen einzugehen und gleichzeitig ihre Integrität zu schützen.

Wie haben Sie diesen Besuch erlebt?

Anfangs waren die Teilnehmenden meist neugierig, aber noch zurückhaltend. Die interaktiven Elemente der Ausstellung, zu denen auch laute Geräusche gehören, halfen, die Zurückhaltung zu überwinden. Sobald die ersten Knöpfe gedrückt und Stimmen ertönten, war der Bann gebrochen, und die Teilnehmenden wurden aktiv und brachten eigene Themen ein.

Was konnten Sie und das Team der ESB für die tägliche Arbeit mitnehmen?

Es gab tolle Begegnungen und einen spannenden Austausch, sowohl bereichs- als auch organisationsübergreifend. Dadurch konnten bereits die Sensibilität erhöht und der Wissensstand erweitert werden. Wir stehen derzeit noch mitten im Prozess und werden im Rahmen der Reflexionsveranstaltungen gemeinsam mit den Expertinnen die Ausstellungszeit evaluieren und weitere Massnahmen zur Umsetzung erarbeiten.

Was ist Ihnen in der Arbeit auf der Präventions- und Meldestelle ein besonderes Anliegen?

Die Sensibilisierung für Grenzverletzungen wachzuhalten und das Thema im Bewusstsein zu verankern. Dazu gehört, «dunkle Flecken» zu beleuchten, Reflexionsräume zu schaffen. Wichtig ist weiter, einen respektvollen Umgang und Selbstbestimmung zu fördern sowie eine vertrauensvolle Ansprechperson zu sein, sowohl für Betroffene als auch für Personen, die möglicherweise selbst Grenzverletzungen begangen haben. So kann emotionale Entlastung auf allen Ebenen stattfinden, und gleichzeitig Aufarbeitung und Verbesserungen angestrebt werden.

Gibt es Bereiche, wo Sie sich mehr Unterstützung von der Politik oder der Gesellschaft wünschen?

Wenn ich mir etwas wünschen darf, dann dass die Angebote der Präventions- und Meldestellen allen, insbesondere auch für Menschen in mittleren und kleinen Organisationen leichter zugänglich werden. Dazu gehört, dass qualitative Standards festgelegt und überprüft werden und die Finanzierung sichergestellt ist. Dieser Prozess erfordert meiner Meinung nach weiterhin grossen Einsatz und muss von Gesellschaft und Politik mitgetragen werden.

ESB
Die ESB ist ein soziales Unternehmen für Menschen mit Unterstützungsbedarf. Sie in ihrer Selbstbestimmung zu stärken und ihnen ein Leben in grösstmöglicher Eigenständigkeit zu ermöglichen, ist ihr Ziel. Die ESB bietet Jugendlichen und Erwachsenen Ausbildungs- und Arbeitsplätze sowie Wohnangebote mit professioneller Begleitung, Betreuung und Beratung. Insgesamt stehen rund 100 Wohnplätze und 480 Arbeitsplätze an 23 Standorten zur Verfügung – 22 davon im Kanton Basel-Landschaft und einer im Kanton Basel-Stadt.

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Newsletter – Stopp, hani gseit!

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NEU: 24/7

In der Nacht und am Wochenende wird die Nummer von der Dargebotenen Hand beider Basel bedient.

Die Dargebotene Hand übernimmt dabei die Basisberatung und leitet bei Bedarf in den Tagdienst der Opferhilfe für die Beratung weiter.

Die Opferhilfe beider Basel ist 24/7 erreichbar
Tel: +41 61 205 09 10

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