Nummer 142: Schlüsselrolle für die Dargebotene Hand

Ab November sorgt die Dargebotene Hand dafür, dass die Opferhilfe beider Basel rund um die Uhr telefonisch erreichbar ist. Ab Mai 2026 übernimmt die bekannteste Anlaufstelle für emotionale Erste Hilfe für Basel-Stadt und Basel-Landschaft die neue nationale Opferhilfenummer 142, in Zusammenarbeit mit der Opferhilfe. Die Geschäftsleiterin Mirjana Marcius und Heidi Minder, verantwortlich für die Aus- und Weiterbildung der Freiwilligen, erklären im Interview, welche Herausforderungen und welche Chancen damit verbunden sind.

Mirjana Marcius, die Geschäftsleiterin der Dargebotenen Hand beider Basel, kennt den Betrieb wie niemand sonst. Ihr Herz schlägt für die Anliegen und Aufgaben der Nummer 143. Und sie kennt die Freiwilligen persönlich und pflegt zu jeder einzelnen Person einen herzlichen, liebevollen Kontakt.

Die Dargebotene Hand ist mit ihrer Nummer 143 gefragt wie schon lange nicht mehr. Worauf führt Ihr diese grosse Nachfrage und den Erfolg der Nummer zurück?

Mirjana Marcius: Mögliche Gründe können unter anderem das Weltgeschehen, zunehmende Belastungen im Privat- und Berufsleben sowie mangelnde Therapieplätze sein. Letztlich geht es immer darum, dass jemand gehört wird, Zuwendung und Empathie findet. Und dass sich jemand Zeit nimmt für die Person und vorurteilsfrei einfach nur da ist und zuhört – auch dann, wenn andere nicht zur Verfügung stehen.

Welche Herausforderungen muss eine Institution meistern, die ausschliesslich mit Freiwilligen arbeitet?

Leider ist die Ansicht, dass Freiwilligenarbeit nichts kostet, immer noch sehr weit verbreitet. Doch Rekrutierung, Aus- und Weiterbildung, Betreuung der Freiwilligen und nicht zuletzt die Organisation und Infrastruktur verursachen Kosten, die gedeckt werden müssen. Zugleich braucht es auch bei Freiwilligenarbeit, insbesondere bei einem 24/7-Angebot, klare Regeln und Vorgaben. Wobei wir bei der Durchsetzung dieser Regeln auf den Goodwill der Freiwilligen angewiesen sind.

Was macht besonders Freude in der Zusammenarbeit mit Freiwilligen?

Schön ist es, immer wieder erfahren zu dürfen, dass es Menschen gibt, die bereit sind, sich freiwillig zu engagieren. Das ist nicht selbstverständlich und so gebührt unserem Team meine höchste Hochachtung.

Dank euch wird die Opferhilfe in Basel-Stadt und Basel-Landschaft ab November rund um die Uhr erreichbar sein, ab nächstem Mai übernehmt ihr die neue nationale Opferhilfenummer 142, in Zusammenarbeit mit der Opferhilfe. Was bedeutet das für Euch?

Herausforderung und Chance zugleich. Die Herausforderung ist, unsere Freiwilligen auf diese Arbeit vorzubereiten und neben der Nummer 143 auch die 142 zu bedienen. Und das ohne zu wissen, was zahlenmässig auf uns zukommt. Gleichzeitig sehen wir es aber auch als Chance, unseren Stellenwert innerhalb der sozialen Landschaft in Basel zu festigen und unsere Dienstleistung auszubauen. Ganz besonders freuen wir uns auf die Zusammenarbeit mit der Opferhilfe beider Basel, die wir bereits in den vergangenen Wochen sehr zu schätzen gelernt haben. Eine Zusammenarbeit voller Professionalität, Kollegialität und gegenseitiger Wertschätzung.

Was wird sich für die Dargebotene Hand ganz konkret verändern?

Wir müssen nicht nur das bestehende Team personell aufstocken und weiterbilden, sondern auch die Technik, darunter die Telefonanlage, aufrüsten und zusätzliche Schichten und Intervisionen einplanen.

Heidi Minder ist verantwortlich für die Aus- und Weiterbildung der Freiwilligen der Dargebotenen Hand. Sie leitet regelmässig Intervisionen mit den Freiwilligen. Es ist ihr wichtig, dass die Freiwilligen die Arbeit mit Freude und Professionalität ausüben und immer wieder über gemachte Erfahrungen berichten können.

Worauf legst Du bezüglich Qualität am Telefon in der Aus- und Weiterbildung der Freiwilligen wert?

Heidi Minder: Es ist mir wichtig, dass unsere Freiwilligen die Menschen, die oft in sehr schwierigen Lebenssituationen anrufen, mit Freude und Zuversicht unterstützen können und ihnen ein wertschätzendes Gegenüber sind. Wir wollen in erster Linie präsent sein, Beziehung bieten, aktiv zuhören und den Menschen einen Gesprächsraum ermöglichen, der ihnen im Alltag fehlt. Gewisse fachliche Kenntnisse in Gesprächsführung sind mir ebenso wichtig wie sich offen einzulassen auf das Gegenüber. Dazu zählt sorgfältig und gemeinsam mit den Menschen, die uns anrufen, über allfällige Entlastung oder notwendige neue Schritte nachzudenken und diese zu erkunden, ohne Beurteilung und ohne Besserwisserei.

Wie bereitet Ihr die Freiwilligen konkret für Anfragen an die Opferhilfe vor?

Zusammen mit der Opferhilfe werden wir unsere Kenntnisse zu sexualisierter Gewalt und zum Opferhilfegesetz erweitern und uns das noch fehlende Grundwissen aneignen. Wir erwerben uns das Know-how, in Notsituationen richtig zu handeln. Und ganz allgemein machen wir uns fachlich, technisch und sozial für die entsprechenden Anfragen fit.

Worauf könnt Ihr aufgrund der Erfahrungen mit der Rufnummer 143 bauen?

Wie gesagt, haben wir es bei der Nummer 143 mit vielen verschiedenartigen Menschen mit teilweise fast unvorstellbaren Problemstellungen zu tun. Von schwierigen Lebensumständen bis hin zu Suizidgedanken. Unsere Freiwilligen, die oft schon einige Jahre bei uns im Einsatz sind, bringen viel Erfahrung im Umgang mit herausfordernden und überraschenden Themen mit. Dies gibt uns Sicherheit und eine Art innere Ruhe, auch mit neuartigen schwierigen Gesprächssituationen gut und hilfreich unterstützend für die Anrufenden da zu sein. Dazu kommt die Tatsache, dass wir seit vielen Jahren eine Notfallnummer sind, die rund um die Uhr erreichbar ist. Das heisst, hinsichtlich Nacht- und Wochenenddiensten sind wir erfahren und müssen keine personellen Umstellungen vornehmen.

Was werden neue Fragestellungen und Herausforderungen sein?

Sicher stellt die Bedienung zweier unterschiedlicher Nummern mit teilweise verschiedenartigen Anforderungen in der Anfangsphase eine Herausforderung für uns alle dar. Hier die anonyme Nummer 143 mit einem offenen Ohr und Zeit für Gespräche, dort die Nummer der Opferhilfe mit der Aufgabe, falls nötig sofort Massnahmen einzuleiten und schnell zu handeln. Auch die Zusammenarbeit mit der Opferhilfe und die gute Abstimmung der Aufgaben und Anforderungen – hier wird mit qualifizierten Freiwilligen, dort wird mit professionellen Fachpersonen gearbeitet – ist eine neue Konstellation. Und nicht zuletzt wird es darum gehen, gut auszuloten, welche Aufgaben zu einer Freiwilligenorganisation gehören und was gesellschaftspolitische Aufgaben sind, die entsprechend angesiedelt und auch finanziell abgegolten werden müssen.

Mit welchen Gefühlen siehst Du dem 1. November entgegen?

Ich empfinde eine grosse Verantwortung dafür, dass wir als Dargebotene Hand ein zuverlässiger Partner für die Opferhilfe sein werden. Die respektvolle, aufmerksame und wertschätzende Art, die unsere Freiwilligen in den Gesprächen bereits jetzt an den Tag legen, stimmt mich zuversichtlich, dass wir das auch für die Opferhilfe erreichen werden. Nebst Verantwortung und Respekt empfinde ich allerdings auch eine grosse Freude und eine Befriedigung darüber, dass sich unser Team für ein so wichtiges Thema einsetzen darf, sowohl auf gesellschaftlicher wie auch auf der Ebene der individuellen Unterstützung von Betroffenen. Es ist einfach schön, wenn Menschen für Menschen da sind, es gibt ein Gefühl von Gemeinsamkeit und von Teilhabe am Leben in all seinen Facetten.

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Die Fachstelle Limita bietet mit der interaktiven Ausstellung INA ein Programm an, um die sexuelle Ausbeutung von Jugendlichen und Erwachsenen mit kognitiven Behinderungen zu verhindern. Ruth Bonhôte von Opferhilfe beider Basel und Sandra Schlachter von der Präventions- und Meldestelle der ESB erläutern im Interview, was die Ausstellung in der Präventionsarbeit so wertvoll macht.

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NEU: 24/7

In der Nacht und am Wochenende wird die Nummer von der Dargebotenen Hand beider Basel bedient.

Die Dargebotene Hand übernimmt dabei die Basisberatung und leitet bei Bedarf in den Tagdienst der Opferhilfe für die Beratung weiter.

Die Opferhilfe beider Basel ist 24/7 erreichbar
Tel: +41 61 205 09 10

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