Stopp sagen zu können, ist nicht einfach – erst recht nicht, wenn man von einer netten Person gefragt wird, wenn man in einer Abhängigkeit steht oder wenn die andere Person deutlich grösser und stärker wirkt. Die Opferhilfe beider Basel hat zum 25. November 2025 genau dieses Thema aufgegriffen. Es geht darum, wie Menschen mit Behinderungen Grenzen setzen können. Sie stehen im Fokus der diesjährigen «16 Aktionstage gegen Gewalt an Frauen», die bis 10. Dezember dauern.
Junge Menschen mit Behinderung musizieren
Die Anfrage für ein gemeinsames Projekt hatte Babette Wackernagel Batcho, Schulleiterin von «Musik für alle“, schnell beantwortet. Ja, sie und die Band seien einverstanden, zusammen einen Song zu kreieren, einzustudieren, aufzunehmen und aufzuführen. Es sei ihnen wichtig, einen Beitrag gegen Gewalt an Menschen mit Behinderungen zu leisten. «Musik für alle» unterstützt Kinder und Jugendliche mit Behinderung dabei, musikalisch aktiv zu werden.
Im Juni 2025 begann die Zusammenarbeit für das Projekt. Die Hauptpersonen dabei sind die Bandmitglieder. Beim Kennenlernen stellte sich schnell heraus, dass die jungen Menschen mit Behinderung genau wissen, wie Gewalt im Alltag aussehen kann: ausgelacht oder berührt werden, dass jemand einfach weitermacht, ohne dass man es will, dass einem Schmerzen zugefügt werden, jemand gemein oder böse zu einem ist.
Der Refrain des Songs nimmt diese Aussagen auf. Zusammen mit der Musik verleiht er Kraft und Energie, diese Themen auch anzusprechen:
Stopp, han i gseit – lach mi nid us!
Stopp, han i gseit – läng mi nid aa!
Stopp, han i gseit – mach mir nid weh!
Stopp, han i gseit – isch das jetzt klar?
Alle Sinne ansprechen
Von der Opferhilfe beider Basel hat Thomas Ruesch, Berater für gewaltbetroffene Menschen, das Projekt begleitet. Er ist selbst leidenschaftlicher Musiker, spielt E-Bass, E-Gitarre, Schlagzeug, Keyboard und singt.
Was löst es bei dir aus, wenn du den Song hörst?
Einerseits spüre ich die Frustration in mir, dass es den Song braucht. Andererseits spüre ich Mut und Kraft, dass betroffene Personen eine Stimme bekommen.
Wie hast du Bandmitglieder während des Projekts erlebt?
Von Beginn an waren da eine direkte, unvoreingenommene Freude und ein grosses Interesse am Song. Die Band konnte sofort einen Bezug zum Inhalt herstellen, da die Beteiligten wiederholt Gewalt aufgrund ihrer Behinderung erlebt haben. Es war beeindruckend, wie schnell die Band funktionierte. Im Laufe der Proben und mit der gewonnenen Sicherheit beobachtete ich ein Zusammenwachsen, was auch dem Song selbst mehr Kraft gab. Besonders die gemeinsame Besichtigung des Tonstudios bleibt mir in bester Erinnerung, das hat die Ernsthaftigkeit des Projekts nochmals hervorgehoben und dadurch bei der Band etwas ausgelöst.
Du hast mit verschiedenen Partnerinnen und Partnern wie Tonstudio, Profi-Musiker und Gesangslehrerin für diesen Song zusammengearbeitet. Was ist dir dabei aufgefallen?
Es war mir wichtig, in der gesamten Kooperation die Band, das heisst die Menschen, in den Mittelpunkt zu stellen und nicht die Behinderung. Die Partner*innen haben einen sehr guten Zugang zur Band gefunden. Ich habe keine Vorurteile wahrgenommen. Einzig die Angst, dass Menschen mit Behinderung mit der Situation überfordert sein könnten. Diese Reaktion ist mir leider auch von Fachpersonen im Umgang mit Personen mit Behinderung bekannt. Immer gut gemeint, aber auch sehr stigmatisierend. Da würde ich mir von allen Seiten mehr Zutrauen und die Bereitschaft zum «begleiteten Scheitern» wünschen, wie es gegenüber Personen ohne Behinderung vorhanden ist.
Welche Wirkung erhoffst du dir vom Song? Wer soll damit erreicht werden?
Erstens ist da die unmissverständliche Botschaft nach aussen, dass die Betroffenen keine Gewalt akzeptieren. Gewalt an Personen mit Behinderung wird nach wie vor bagatellisiert, sei dies auf Social Media, in Filmen oder im Alltagshumor. Jede Bagatellisierung dieser Gewalt ist eine Ohrfeige für die Betroffenen. Dafür braucht es mehr Bewusstsein. Und dafür braucht es wiederum die direkte Stimme dieser Menschen. Zweitens macht der Song diese Stimmen hörbar und kann so weitere Betroffene ermutigen, ihre Stimme zu erheben. Den Nichtbetroffenen wünsche ich die Erkenntnis, dass sie mit ihrem Verhalten – auch wenn es gut gemeint ist – Menschen verletzen können und so deren ohnehin schon herausfordernde Lebenswelt weiter zementieren. Das wäre doch ein erster kleiner Schritt.
Mitsingen ist erwünscht
Am 22. November findet im ausgewählten Kreis die Song-Premiere statt und die Bandmitglieder und ihre Familien können sich von Resultat überzeugen und begeistern lassen.
Der Videograf Paul Krischker hat zum Song ein Musikvideo produziert. Der Videoclip wird am 25. November auf Youtube erscheinen. Passend zum Song sind Stickers erhältlich, für Jung und Alt. Der Song eignet sich auch für Schulklassen, Freizeitorganisationen und vielen mehr. Mitsingen ist erwünscht!