Kindesmisshandlung Zürich: Zahlen auf dem Höchststand
570 Fälle von Kindesmisshandlung wurden im vergangenen Jahr im Kanton Zürich bestätigt – so viele wie noch nie. (Tages-Anzeiger, 3. Februar 2026)
«Ist die Gewalt Teil des Erziehungsstils, schadet sie dem Kind immer»: Die Zahl der Kindsmisshandlungen steigt an.
2025 wurden erneut mehr Kinder misshandelt als im Vorjahr, das zeigen die Zahlen des Kinderspitals Zürich. (NZZ, 5. Februar 2026)
Der Trend, den diese beiden Zürcher Medienberichte verdeutlichen, ist leider auch in der Nordwestschweiz zu beobachten: Im Jahr 2025 verzeichneten die Beraterinnen des Kinder- und Jugendteams bei Gewalt der Opferhilfe beider Basel einen überdurchschnittlichen Anstieg der Fallzahlen. Waren es 2024 noch 506 neue Fälle von gewaltbetroffenen Kindern und Jugendlichen, wurden ein Jahr später 631 neue Fälle registriert. Dies entspricht einer Zunahme von 25%.
Als Kristin Busch, Teamleiterin der Kinder- und Jugendberatung bei der Opferhilfe beider Basel, vor 14 Jahren ihre Beratungstätigkeit aufnahm, kamen pro Jahr rund 200 neue Fälle hinzu. Sie sagt, die Zunahme im Jahr 2025 übersteige alle bisherigen Entwicklungen deutlich. Entsprechend gross war die Herausforderung, vor der sich das Team der fünf Beraterinnen gestellt sah.
Sicherheit vermitteln
Nebst den Beratungen auf der Beratungsstelle fanden auch zahlreiche Gespräche vor Ort statt – etwa in Schulhäusern, gemeinsam mit oder auf Initiative des Schulsozialdienstes, sowie in Institutionen der Kinder- und Jugendhilfe. Hinter der hohen Fallzahl stehen zudem viele Beratungsgespräche mit Fachpersonen aus Schulen, Institutionen und weiteren Fachstellen. Haben Kinder oder Jugendliche Gewalt (mit)erlebt, löst dies bei Fachpersonen, die mit ihnen zu tun haben, verständlicherweise Unsicherheit und grosse Betroffenheit aus.
Die Kontaktaufnahme mit unserer Beratungsstelle zeigt, dass das Hilfssystem im Kindesschutz funktioniert und das Vier-Augen-Prinzip genutzt wird, um gemeinsam hilfreiche Unterstützungsmöglichkeiten zu prüfen und in die Wege zu leiten. Die Sensibilisierung von Fachpersonen ebenso wie der Gesellschaft hat in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen. Nun gilt es, diese Entwicklung durch weiterführende und ausreichend verfügbare Unterstützungsangebote zu ergänzen.
Fehlende Angebote
Kirstin Busch erlebt oft, dass es sehr anspruchsvoll ist, zufriedenstellende Lösungen für gewaltbetroffene Kinder und Jugendliche zu finden. Häufig fehle es an verfügbaren Therapieplätzen und weiteren Hilfsangeboten. Insbesondere bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen gestalte es sich als schwierig, eine passende Anbindung oder Begleitung zu finden.
Zudem ist der Bedarf an spezifischen Schutzplätzen für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene im Urteil von Kristin Busch nach wie vor unzureichend gedeckt. Einerseits können bestehende Angebote der Kinder- und Jugendhilfe den notwendigen Schutz nicht immer gewährleisten, andererseits sind Schutzhäuser für junge Erwachsene häufig nicht auf deren spezifische Bedürfnisse ausgerichtet. Diesbezüglich besteht weiterhin deutlicher Handlungsbedarf.
Gefragte Schulungen
Parallel zum Fallwachstum ist auch das Bedürfnis nach Schulung stark gestiegen. So treffen zahlreiche Anfragen von Lehrpersonen für ihre Schulklassen ein, die gerne entsprechende Themen im Klassenrahmen besprechen und bearbeiten möchten. Gleichzeitig sind es auch Institutionen, die für die Mitarbeitenden Schulungen wünschen, um mehr Sicherheit im Erkennen und Umgang mit Gewalt bei Kindern und Jugendlichen zu erlangen.
Grosse gesellschaftliche Bedeutung
Für Kirstin Busch ist es deshalb von zentraler Bedeutung, die Unterstützung von Kindern und Jugendlichen sowie von Fachpersonen weiter auszubauen. Gerade im Kindes- und Jugendalter können wichtige Entwicklungsprozesse angestossen und persönliche wie soziale Ressourcen gestärkt werden. Dies erfordert das gemeinsame Engagement verschiedener gesellschaftlicher Akteur:innen sowie eine enge interdisziplinäre Zusammenarbeit. Ziel muss es sein, Rahmenbedingungen zu schaffen, die es Kindern und Jugendlichen ermöglichen, in einem stabilen, sicheren Umfeld und in verlässlichen Beziehungen aufzuwachsen. Eine gesunde und resiliente junge Generation bildet eine zentrale Grundlage für das langfristige gesellschaftliche Wohlergehen.