Wenn es um Notrufe in der Schweiz geht, kommt man nicht um ihn herum: Ingo Klinger ist bei Swisscom «Head of Public Safety / Notrufe» und mit allen Einsatzzentralen der Schweiz vernetzt und im regelmässigen Austausch. Er hat die Schweizerische Sozialdirektor*innenkonferenz (SODK) und die Opferhilfe Schweiz von Anfang an im Projekt der einheitlichen Opferhilfetelefonnummer begleitet und führt mit allen Kantonen Gespräche für die Einführung und den Betrieb.
Was ist speziell an dreistelligen Kurznummern für Notrufdienste? Welche Anforderungen müssen sie erfüllen?
Ingo Klinger: Wer einen Notruf absetzt, erwartet, dass die Kurznummern für Notrufdienste von jedem Telefonanschluss und zu jeder Zeit zugänglich sind, dass jemand den Anruf entgegennimmt und dass sofort Hilfe erbracht werden kann. Um diesen Erwartungen im Rahmen der technischen Möglichkeiten gerecht zu werden, müssen gerade dreistellige Kurznummern der Notrufdienste sehr robust, sicher und jederzeit verfügbar sein und anhand des Standortes des Notrufenden an die örtlich zuständige Notrufempfangsstelle geleitet werden. Die korrekte Leitweglenkung (Routing) aller Fernmeldedienstanbieter (FDA) ist aufwendig zu realisieren und muss mit allen Beteiligten abgestimmt sein.
Was passiert genau, wenn eine Notrufnummer gewählt wird?
Über 80% der Anrufe auf dreistellige Kurznummern gehen heute über das Mobilfunknetz zu den Notrufdiensten. Die drei Betreiber mobiler Netzwerke, Salt, Sunrise und Swisscom, stellen bei dreistelligen Kurznummern für Notrufdienste sicher, dass ein Anruf auch dann zugestellt werden kann, wenn das eigene Netz nicht zur Verfügung steht. Ein Beispiel dazu: Sollte das Mobilfunknetz von Salt an einem Standort nicht verfügbar sein, dann wird der Anruf über das an diesem Standort verfügbare Mobilfunknetz von Swisscom oder Sunrise übermittelt. Dies im Gegensatz zu einem normalen Anruf, der nicht übermittelt wird. Hinzu kommen weitere für den Notruf spezifische Services wie die Notrufüberwachung. Bei einem Ausfall einer Notrufzentrale stellt diese sicher, dass die Notrufe an andere definierte Ziele zugestellt werden.
Bei den Notrufnummern handelt es sich stets um nationale Projekte, die – wie in der Schweiz üblich – von Kanton zu Kanton unterschiedlich umgesetzt werden. Welche Herausforderungen stellen sich in der Umsetzung, gerade im konkreten Fall mit der Nummer 142?
Die grösste Herausforderung ist, dass es eine komplett neue dreistellige Kurznummer für einen Notrufdienst ist. Wenn diese Nummer gewählt wird, möchte der Anrufer, dass er sachlich und örtlich richtig zur Notrufempfangsstelle zugestellt wird. Das heisst, wenn ich 142 in Basel wähle, ist die Erwartung, dass die Opferhilfe in Basel den Notruf entgegennimmt. Für diese Umsetzung müssen verschiedene Arbeiten im Festnetz und im Mobilfunknetz von allen Fernmeldedienstanbietern umgesetzt, abgestimmt und koordiniert werden. Dies betrifft alle FDAs, die ihren Kunden öffentliche Telefonie anbieten, die Interconnection, die Notrufplattform und weitere technische Aspekte in der Schweiz. Ebenfalls müssen alle Systeme wissen, dass es sich bei der 142 um eine Notrufnummer handelt. Die 142 muss in Telefonen, Kommunikationssystemen und bei den Anschlüssen der Bevölkerung hinterlegt werden. Bei Wahl der 142 dürfen keine Gesprächsgebühren anfallen und keine Einträge auf der Rechnung oder dem Verbindungsnachweis erfolgen.
Während des ESC in Basel wurde der Betrieb der 142er-Nummer als Pilotprojekt getestet. Du hast den Betrieb begleitet. Welche Erkenntnisse hast Du daraus gezogen?
Als erstes möchte ich mich hier für die unkomplizierte und direkte Zusammenarbeit bedanken. Zeitweise hatte ich das Gefühl, dass wir gemeinsam in einem Startup-Modus waren. Für uns als Swisscom war es wichtig, die Arbeitsweise der Opferhilfe zu verstehen. Wie wird gearbeitet? Worauf kommt es an? Wie lange dauert ein Anruf? Welche Ressourcen braucht es und wie können wir zusammen sicherstellen, dass es technisch und organisatorisch eine höchstmögliche Verfügbarkeit gibt? Weitere Aspekte waren die 7x24h-Verfügbarkeit und die Unsicherheit, wie viele Anrufe es geben wird und worauf wir uns einstellen müssen. Wir haben einiges gelernt. Zuerst, dass es uns gemeinsam gelungen ist, den ESC erfolgreich umzusetzen. Und dass wir dabei ein besseres Gefühl für die Arbeitsweise und Anforderungen der Opferhilfe bekommen haben. Dies gibt uns die Sicherheit, dass kommende Projekt mit der Inbetriebnahme der dreistelligen Kurznummer 142 erfolgreich umzusetzen.
Es wird im November 2025 kantonale Einführungen geben und im Mai 2026 die nationale Einführung. Unter welchen Bedingungen ist dies überhaupt so realisierbar?
Am wichtigsten war es, ein gemeinsames Ablaufmodell zu erarbeiten. Das heisst zu klären, welche Organisation, welcher Kanton wann und mit welchem Angebot starten möchte. Dazu wurden viele Gespräche geführt und sogenannte Anrufmodelle erstellt. Der 1. Mai 2026 mit der Einführung der dreistelligen Kurznummer 142 ist landesweit für jede FDA vorgegeben. Zum 1. November 2025 existiert die Kurznummer 142 noch nicht. Doch es gibt Kantone, die bereits mit einem 7x24h-Service unter einer anderen Telefonnummer starten wollen – unter anderem in Basel-Stadt und Basel-Landschaft. Das bedeutet, dass bereits zum 1. November 2025 ein Grossteil der technischen und organisatorischen Abläufe funktionieren muss. Es ist uns gelungen, diese Vorarbeiten umzusetzen, sodass wir die Basis für diese Staffelung haben.
Was erwartest Du von den Kantonen bei der Einführung der 142er-Nummer? Was ist Dein Wunsch?
Wenn es um die dreistelligen Kurznummern für Notrufdienste geht, habe ich zwei Erwartungen. Zum einen als Bürger: Wenn ich die 142 anrufe, erwarte ich, dass ich jemanden 7x24h erreiche und Hilfe bekomme. Das bedeutet für alle eine organisatorische Herausforderung, in Form von internen Abläufen und Ressourcen. Aus Sicht Swisscom erwarten wir zum anderen, dass alle FDA die Nummer 142 rechtzeitig implementiert haben und dass es uns gemeinsam gelungen ist, die Anrufe so umzusetzen, dass sie von den Beratern und Organisationen der Opferhilfe bestmöglich genutzt werden können. Mein Wunsch ist, dass die 142 ein wichtiger Bestandteil dabei wird, Menschen zu helfen und sie zu unterstützen.